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Sei besonnen! (Platon)
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Alle meine Rezensionen ansehen (TOP 500 REZENSENT) Rezension bezieht sich auf: Charmides: Griech. /Dt (Taschenbuch) "Maßlos und unbesonnen müsstest du mich nennen, wollte ich mit dir kämpfen um der Menschen willen, des armen Geschlechts, dass den Blättern der Bäume gleich sprießt und welkt". So Apollon zu Poseidon, der ihn zum Kampfe aufforderte. Ist nicht bereits der Geist Pindars der Vordenker der Einsicht, der Selbsterkenntnis, des Maßes und der Ordnung? "Was ist der Mensch?" wenn Pindar (Achte Phytische Ode, siehe Rezension kpoac) noch vom Traum eines Schattens spricht, der im Lichte gar lieblich wird. Nichts kennzeichnet die Haltung, deren Ideal Apollon uns vor Augen stellte, so deutlich wie im Begriff der Sophrosyne, mit den Worten Homers: "Erkenne dich selbst" (Ilias, 21, 461). Dieser Willkommensgruss jeden Besuchers des Delphischen Tempels heißt nach Platon nun nichts mehr als: erkenne, was der Mensch ist und wie weit der Abstand zu den Göttern ihn bestimmt, gedenke also der Grenzen der Menschheit. "[...] dass nur der Besonnene wirklich Anspruch darauf hat, Herr seiner Handlungen und Kenner seiner selbst zu sein" schrieb Platon auch im Timaios (72A; vgl. Rezension kpoac) und vervollständigt damit die Aussage hier im Charmides.
Platon (427-347) schrieb diesen Dialog um das Jahr 399 v.Chr. Sokrates kommt von einer Schlacht zurück und fragt die Athener, wie es denn um die Philosophie bestellt sei. Klugheit und Schönheit wären die Prämissen eines guten Menschen und ob sich einer von ihnen durch diese Eigenschaften hervorgetan habe. Kritias schlägt seinen Vetter Charmides vor, Glaukons Sohn und im Übrigen in der Verwandtschaft von Platon. Charmides überzeugt durch äußere Schönheit, doch Sokrates will die Überzeugung vervollständigen durch die richtige Gesamtsicht, die die Gesundheit der Seele mit einschließt. Und so stellt Sokrates dem kränklichen Charmides anheim, dessen Körper im Sinne einer Seelenheilung zu gesunden, ist doch die Krankheit der Seele Auslöser der Krankheit des Körpers. Seelische Gesundheit erlange man aber nur durch Besonnenheit (Sophrosyne), in der Charmides sich nun beweisen müsse. Kritias, sein Vormund und Vetter willigt ein, wie auch Charmides selbst.
Ob nun Besonnenheit so ist wie: Bedächtigkeit, Schamhaftigkeit, das Seinige tun, das Gute, das Nützliche oder gar Sich-Selbst-Erkennen, die Frage bleibt und die Charmides/Sokrates Diskussion führt zu einem Dialog zwischen Kritias und Sokrates im Dabei-Sein von Charmides und das Gespräch letztendlich dahin, dass das Wissen des Wissens, das Erkennen der Erkenntnis in dieser Sophrosyne steckt. Doch ob es nützlich ist oder nicht, ob Wissen und Nichtwissen dazu gehört, es wird argumentiert und verworfen. Vorausgesetzt wird aber bereits die Idee des Guten in diesem Dialog. Platon mag bereits die ersten Schritte seines Ideen- Konstruktes vorbereiten. Letztendlich bleibt dem interessierten Leser die Ertraglosigkeit des Gesprächs festzustellen. Das Entmutigende dieses Gesprächs könnte in der Erkenntnis der eigenen Unfähigkeit liegen, gar in der Erkenntnis des Nicht-Wissens. Doch wer die Chance nutzt, über diesen Rand hinauszudenken, wird feststellen, dass die Enttäuschung über die fehlende Schlussrede Sokrates gerade etwas Anstachelndes hat und anfeuert zur Fortsetzung des Ringens um die Bedeutung der Besonnenheit. Vielleicht will Platon der Nachwelt ein Rätsel geben und doch gleichzeitig mitteilen, dass dessen Auflösung in Reichweite liegt. Sei besonnen, eben die andere Botschaft des Orakels von Delphi, verbunden mit dem Hinweis, seine Sinne zu behalten, sich zu besinnen seines Sinnes und diesem zu folgen, wenn man Gefahr läuft, in allzu spontaner Schnelligkeit, sich in ein Handeln zu verstricken, dessen produzierte Folgen zum unauflöslichen Ausschluss autarken, selbstbestimmten Agieren führen können. Wie im Timaios so brillant beschrieben, bleibt nur der Herr seiner selbst, der sich von den äußeren Gegebenheiten nicht zu Handlungen hinreißen lässt, die außerhalb seiner primär eigenen Entscheidung liegen. (vgl. auch Epiktet, Moral und Unterredungen, siehe Rezension kpoac) Besonnenheit hat eine notwendige Beziehung auf sich selbst, auf das Wissen darüber, DASS man weiß, nicht jedoch, WAS man weiß. Letzteres obliegt dem Fachwissen.
Platon trennt ebenso deutlich in diesem Dialog Wissen von Meinung. Die Eigenschaft und die Idee als Ursache der Eigenschaft werden hier leider nicht auseinander gehalten, sind es aber in notwendiger Weise. Die Sokratesche philosophisch grundlegendste Frage des Was ist X? gilt in allen Dialogen und nur die Beantwortung führt zu einer glücklichen Lebensform. Platon gesteht dem Wissen als Mittel zu einem Zweck praktische Bedeutung zu. Erst im Zuge des Scheiterns der Beantwortung in der Lebenspraxis (vgl. Apologie, siehe Rezension kpoac), bricht die philosophische Reflexion hervor. Urteilen erscheint dann nach Platon sich in der Praxis eher auf Meinungen zu beziehen, so wie es Montaigne in den Essais aufzeigte und Shakespeare im Hamlet II,2 es mehr als deutlich machte: "there is nothing either good or bad but thinking makes it so". Doch Platon erhöht sein Urteil, in dem er es dem Erkennen der Erkenntnis unterstellt, dem Wissen des Wissens, der besonnenen Gelassenheit.
So würde, Dank der Besonnenheit (Sophrosyne), es in jedem Hause wie in jedem Staate aufs Beste bestellt sein, ist doch grade wegen der richtigen Einsicht die Fehlerquelle zum falschen Handeln verstopft, aber der Weg ins Glück offen.
Wie immer ein interessanter Platonischer Dialog, der ca. 100 Jahre später Zenon in der Gründung der Stoa beeinflusste und auch Seneca zu ähnlichen Ansichten animierte. Was die Überlegungen zur Besonnenheit mit dem Leser machen, ist wie immer der subjektiven Entscheidung unterworfen.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 16. Dezember 2007 |